Zweifel am Täter? Rechtsanwälte setzen Opfer unter Druck

Veröffentlicht am 9. Mai 2014

© Tim Reckmann / pixelio.de

Am zweiten Verhandlungstag, dem gestrigen Donnerstag, steht insbesondere die Befragung des Opfers durch die Anwälte des Täters im Vordergrund. Die vom mutmaßlichen Täter Mario K. brutal zusammengeschlagene Petra P. wird dabei stark unter Druck gesetzt. Das offenkundige Ziel der Anwälte ist, Zweifel an der Täterschaft zu evozieren. Doch Petra P. bleibt stark.

Tapfere Zeugen?

Circa 15 bis 20 Zuschauer, außerdem drei Print-Journalisten sowie ein Hörfunk-Reporter haben sich im Gerichtssaal eingefunden. Zudem sitzen zwei Justizbeamte im Saal, und in der letzten Reihe sind drei Sitzplätze für das Landeskriminalamt (LKA) reserviert. Diese werden später durch zwei Personenschützer des LKA besetzt.

Als um 10:00 Uhr die Nebenklägervertreter mit den Opfern Petra P. und ihrer Tochter Louisa P. eintreffen, fällt sofort auf, dass Petra P. einen sehr gepflegten und gefassten Eindruck macht. Louisa P. hingegen wirkt sehr müde und teilnahmslos. Das dritte Opfer, Stefan T., verbirgt sich erst hinter einer dunklen Sonnenbrille, redet sehr viel mit seinen Anwälten und dem psychologischen Gutachter. Er macht ebenfalls einen aufgeräumten Eindruck. Bald schon tauscht er die Sonnenbrille gegen eine normale Gleitsichtbrille.

Nachdem die Rechtsanwälte des Täters mit Verspätung eintreffen, kommt auch der vermeintliche Täter Mario K. hinzu, der mittlerweile einen Vollbart sowie eine Brille trägt und längst nicht mehr so sportlich erscheint wie zu seiner Festnahme.

Die erste Frage, die sich mir an diesem Tage stellt: Warum tun sich die (tapferen) Opfer die Präsenz in diesem Prozess an? Die psychische Belastung dürfte enorm hoch sein, regelmäßig und in kurzen Abständen auf den mutmaßlichen Peiniger zu treffen.

Verunsicherung durch Insistieren

Direkt zu Beginn fahren die Rechtsanwälte von Mario K. mit der Befragung von Petra P. fort. Der Rechtsanwalt tastet sich zunächst vorsichtig heran. Petra P. ist sehr ernst. Es geht um die Schlagfolge und um die Beschreibung des Täters sowie um mögliche Motive und die weißen Blitze, die das Opfer gesehen haben will.

Dabei ist schon jetzt deutlich zu spüren, dass der Rechtsanwalt Petra P. durch Wiederholung der gestellten Frage, auch in anderer Wortwahl und Reihenfolge, zu verunsichern versucht. Petra P. hält standhaft dagegen.

Der Beschuldigte Mario K. schreibt ab und zu mit und schaut die Opfer kaum an. Meistens blickt er zum Gericht.

Nun fragt der Rechtsanwalt Opfer und Zeugin Petra P. nach den Vernehmungen der Polizei im Klinikum und bei ihr zu Hause. Er will wissen, wann, wo und in welcher Reihenfolge ihr die einzelnen Täterfotos vorgelegt worden sind. An dieser Stelle wird offensichtlich: Er will Petra P. verunsichern. Das Gericht versucht zu vermitteln, doch Petra P. bleibt stark. Sie sagt absolut selbstsicher, dass sie den Täter auf dem Foto sofort erkannt hat.

Auch im Fortgang der Befragung bleibt es das Ziel der Anwaltschaft, Zweifel zu streuen. Jetzt geht es um mögliche Motive für die brutale Tat. Obwohl Petra P. sich weder eventuelle Feinde herleiten oder Motive erklären kann, versucht der Anwalt, mögliche Tatverdächtige zu benennen und so Zweifel an der Schuld seines Mandanten herbeizuführen. Neben einem ehemaligen Hausangestellten, etwaigen Bauarbeitern auf der Straße oder Handwerkern, die auf dem Grundstück etwas repariert haben, führt der Anwalt auch frühere Geschäftskontakte des Ehemannes von Petra P. als mögliche Täter ins Feld. Nach Meinung des Anwalts kommen offenbar alle möglichen Kontakte, die die Familie hatte – insbesondere Petra P. – als denkbare Täter in Frage.

Mario K. scheint währenddessen teilnahmslos. Er streicht sich mit dem Daumen durch seinen Bart, die Ellbogen sind auf den Tisch gestützt.

Jetzt beginnt der zweite Rechtsanwalt des Beschuldigten Mario K. seine Befragung, wirkt dabei allerdings deutlich weniger souverän und angriffslustig. Unter anderem möchte er erfahren, ob die Familie P. immer noch Personenschutzmaßnahmen erhält, was Petra P. bestätigt. Außerdem lebe sie, als weitere Sicherheitsmaßnahme, nicht mehr am früheren Wohnort. Zwischenzeitlich ist sie nach Berlin umgezogen.

Nach dem Auftritt der Rechtsanwälte von Mario K. am Vormittag des zweiten Verhandlungstages sind zwei Stoßrichtungen schon klar erkennbar: Erstens geht es ihnen darum, mögliche andere Tatverdächtige zu benennen, um somit die Täterschaft von Mario K. anzweifeln zu können. Zweitens zielen sie darauf ab, die Arbeit der Ermittlungsbeamten zu kritisieren.

Tapfere Zeugin!

Während der Rechtsbeistand des Täters Zweifel schüren will, bleibt Petra P. felsenfest bei ihrer Aussage. Diese bestätigt sie erneut, als auch der Richter noch einmal nachfragt. Er will von ihr wissen, warum sie Mario K. nach dem ersten Verhandlungstag so intensiv angeschaut habe. Petra P. antwortet – erneut sehr sicher –, dass sie Mario K. als Täter klar erkannt habe: an der Kopfform, an Augen und Mund sowie an seiner Statur. Um selbst nochmals ganz sicher zu gehen, habe sie ihn am ersten Prozesstag lange gemustert, um sich dann bestätigt zu sehen. Auch auf die Frage der Staatsanwalt zur Personenbeschreibung des Täters antwortet Petra P., dass sie den Täter zweifelsfrei erkannt hat.

Im Gegensatz zu der durchaus tapferen und selbstbewusst wirkenden Zeugin Petra P., fällt auf, dass deren Tochter Louisa P. mit den im Gerichtssaal besprochenen Angelegenheiten innerlich zu kämpfen hat. So ist bei einer Inaugenscheinnahme am Richtertisch, bei der Täterfotos betrachtet werden, auffällig, dass Luisa P. ganz allein und mit Abstand zur Gruppe steht. Ihre Arme sind verschränkt und sie beißt sich auf die Lippen. (Anmerkung: Der mutmaßliche Täter hatte in einem Anschlag gegen Louisa P. auf sie und ihren Personenschützer geschossen und Letzteren schwer verletzt. Louisa P. kam mit dem – bleibenden – Schrecken davon.)

„Knallzeugen“

Als „Knallzeugen“ werden Personen bezeichnet, die auf einen Tathergang akustisch aufmerksam werden, diesen aber nicht tatsächlich mitverfolgen, sondern erst nach der Tat vor Ort sind oder hinsehen. Nichtsdestoweniger können übrigens auch „Knallzeugen“ zu Opfern werden, da auch sie nach der Tat von Angst vor derlei Verbrechen geprägt sein können.

Eine „Knallzeugin“ ist die Haushälterin der Familie P., Frau E. Bei ihrer Befragung, sagt sie aus, dass sie sich zum Tatzeitpunkt in ihrem Haus direkt neben dem Haus der Familie P. befand. Sie wollte gerade ins Bett gehen, da habe sie die Hunde bellen und Schreie gehört. Unverzüglich lief sie zum Haus der Familie P. Auf dem Weg zum Haupteingang sah Frau E. an einer Ecke eine dunkle Gestalt weggehen, danach fand sie im Hausflur die verletzte Petra P. Zum Täter konnte sie kaum bis keine Angaben machen.

Louisa P. schaut die Zeugin bei ihrer Aussage gebannt und sehr intensiv an.

Es werden anschließend sechs weitere Zeugen aus der Nachbarschaft gehört, die die Aussagen von Petra P. im Wesentlichen bestätigen. Sie alle haben zwar nichts gesehen, sind aber durch die Schreie von Petra P. auf das Verbrechen aufmerksam geworden und sofort zum Haus der Familie P. gelaufen. Hier konnten sie jedoch nicht auf das Grundstück, da das Tor verschlossen war.

Nur eine Zeugin hat eine besondere Beobachtung gemacht: Auf dem Weg zum Haus der Familie P. nahm sie den Lichtkegel einer Taschenlampe war. Diese Beobachtung ziehen die Anwälte von Mario K. umgehend durch wiederholtes und mehrfaches Nachfragen in Zweifel.

Zündstoff

Kurz nach 16:00 Uhr endete der Verhandlungstag, und zurück bleibt der Eindruck, dass in diesem Prozess noch viel Zündstoff liegt. Die Rechtsanwälte des mutmaßlichen Täters geben alles daran, Mario K. zu entlasten, die Zeugin Petra P. hingegen ließ sich weder am ersten noch am zweiten Prozesstag in ihrer Aussage beirren.

Weitere Opfer und Zeugen werden in den nächsten Verhandlungstagen gehört werden. Spannend wird außerdem die noch zu besprechende Rolle des privaten Sicherheitsdienstes, der Familie P. und insbesondere Louisa P. zu schützen hatte.


Bildquelle: Tim Reckmann / pixelio.de