Vierter Verhandngstag | Dramatische Spätfolgen für das Opfer

Veröffentlicht am 29. November 2016

auffindestelle-heiko-l_Bildquelle:Stefan_Bisanz

Der vierte Prozesstag am 28. November 2016 ist der Tag des Opfers. Daher ist die Presse mit einem TV-Team und fünf Journalisten vertreten, weitere acht Zuschauer sind außerdem im Raum.

Der Angeklagte Jan I., der erneut mit einem Rollstuhl in den Gerichtssaal gefahren wird, gibt wieder den „Weinerlichen“. Bei genauer Beobachtung erkennt man allerdings, dass er zwischendurch einen sehr wachen Blick hat, mit dem er sowohl die Mitangeklagten als auch das Gericht beobachtet. Seine Masche ist, dass er immer alles vehement abstreitet.

Erklärung des Verteidigers von Magdalena K.

Bevor der eigentliche Prozess beginnt, gibt der Verteidiger von Magdalena K. eine sogenannte Verteidiger-Erklärung ab. Erstens stellt er darin fest, dass seine Mandantin wegen Beihilfe zum erpresserischen Menschenraub durch Unterstützung des Sohnes Michael K. – zum Beispiel mit der Einrichtung eines Kontos für das Lösegeld – angeklagt ist. Zweitens konstatiert er, dass seine Mandantin nicht weiß, woher sich Opfer und Sohn kennen. Geschäfte machen beide schon seit über 20 Jahren, auch privat und auch in Saudi-Arabien. Das Opfer habe ihren Sohn betrogen. Auch sie habe versucht, über Telefonate eine einvernehmliche Lösung mit dem Opfer zu erzielen. Verbindlich abgesprochene Termine wurden aber immer wieder mit unterschiedlichen Ausreden kurzfristig abgesagt. Daher sollten die Forderungen über ein Inkassobüro eingezogen werden. Der Anwalt teilt weiterhin mit, dass Magdalena K. ein Konto für ihren Sohn eingerichtet hat, da er aufgrund negativer Schufa-Einträge kein Konto mehr eröffnen darf. Sie zahlte 3.000 Euro darauf ein, damit er etwas Geld zum Leben hat. Seine Mandantin habe das Konto nicht für das Lösegeld eingerichtet, so der Verteidiger. Er schließt seinen Vortrag mit dem Hinweis, dass Nachfragen nicht gestattet sind.

Aussage des Angeklagten Jan I.

Als erster Zeuge des heutigen Tages wird um 9:20 Uhr der Pole Jan I. gehört. Er spricht einigermaßen gut Deutsch und beschuldigt sofort den Angeklagten Thomas B. Jan I. wäre durch diesen ausschließlich als Übersetzer hinzugezogen worden, er habe mit der ganzen Sache nichts zu tun und habe auch nicht gewusst, worum es geht. Er sei in Dortmund angesprochen worden.

Thomas B. runzelt bei dieser Aussage die Stirn und schaut den Zeugen ernst an.

Der Zeuge spricht weiter wirres Zeug. Zuerst erklärt er, dass er 200 Euro bekommen sollte später 500 Euro, zum Ende 700 Euro. Er berichtet konfus über Treffen und Fahrten, wilde Telefonate und Bestellungen bei einem Fast-Food-Restaurant. Dort wurde er auch am 29. April 2016 festgenommen.

Der Angeklagte beschwert sich über die Mittäter und deren Verhalten, insbesondere da sie eine hohe Summe vom Lösegeld bekommen sollten und ihn mit 500-700 Euro abspeisen wollten. Die Fahrten haben sie mit einem roten Opel Corsa durchgeführt, der vom Mittäter Sylvester gefahren worden ist.

Sylvester ist bei dem Zugriff durch die Polizei nicht festgenommen worden und immer noch flüchtig.

Der Angeklagte besteht darauf, dass er von der Entführung nichts wusste. Der Richter hält ihm Telefonate vor, in denen er unter anderem wörtlich zu Manfred M.gesagt hat: „Sie können nicht alle schnappen, vielleicht zwei, drei oder vier. Wir sind professionell. Es geht um K.“ Hierauf hat der Angeklagte keine Antwort. Er habe von nichts gewusst und der noch flüchtige Sylvester habe ihm alles vorgesagt.

Die Entführung ist durch mehrmonatige Aufklärungs- und Observationseinsätze der Täter vorbereitet worden. Sie hatten ein Wohnmobil mit Firmenaufschrift eingesetzt sowie eine Standkamera am Wohnobjekt versteckt, sie wussten sogar die Zigarrenmarke des Opfers und, dass er zweimal die Woche eine Zigarre raucht. Die Täter waren sogar der Meinung dass, Heiko L. Milliardär sei.

Es kommt für das Täterhandeln bzw. für das Stattfinden einer Straftat immer darauf an, was der Täter denkt und glaubt, und nicht darauf, ob das, was er denkt, tatsächlich stimmt oder das Opfer ihm als Tatsache mitteilt.

Aussage des Opfers zum Ablauf der Entführung

Um 11:22 Uhr sagt das Entführungsopfer Heiko L., 69 Jahre, aus. Er ist selbstständig im Maritim- und Reeder-Geschäft und stammt aus Detern. Zuerst schildert er, wie er die Tat vom 19. April 2016 erlebt hat.

Wie immer verlässt er kurz nach 8:00 Uhr sein Privathaus und fährt mit seinem Auto zur Arbeit. Während der Autofahrt telefoniert er ordnungswidrig. Kurze Zeit nach Anfahrt überholt ihn ein weißes Auto, wahrscheinlich ein Mercedes, mit einem Lichtbalken mit Display in der Heckscheibe. Hierauf steht „Polizei bitte folgen“.

Nachdem er angehalten hat kommen zwei Männer in Polizeiuniform an sein Auto heran und verlangen von ihm die Fahrzeugpapiere. Ab jetzt hat er einen Filmriss.

Auf der weiteren Fahrt konnte er nichts erkennen, da ihm seine Augen verbunden worden sind. Er trägt sowohl eine Sonnenbrille, darüber eine Tauchmaske und eine Pudelmütze. Auf der Entführungsfahrt gab es dann einen Wechsel des Autos. Drei Männer sitzen mit ihm im Fahrzeug. Sie sind circa eine bis anderthalb Stunden gefahren, überwiegend kleinere Wege.

In dem Haus seiner Gefangenschaft angekommen wird er in ein Schlafzimmer geführt und muss sich dort nackt ausziehen. Er wird von Kopf bis Fuß nach Peilsendern abgesucht. Der Markenknopf an seinen Burlington-Socken wird von den Tätern als Sender eingestuft und abgeschnitten. Hiernach wird er an einen Bettpfosten gefesselt und muss dann bald einen Schuldschein über 400.000 Euro unterschreiben. Außerdem wird darin handschriftlich eine weitere Summe über 600.000 Euro angeführt. Er wollte diesen Schuldschein erst nicht unterschreiben. Daraufhin kam ein Täter mit einem Messer und wollte ihm ein Ohr abschneiden, die Hand und das Messer waren schon am Ohr. Ein anderer Täter verhinderte das.

Später fuhr man wieder mit dem Auto los, circa anderthalb Stunden lang, und er sollte seine Frau anrufen, damit diese das Lösegeld bereitstellt. Dieses verneinte er mit der Bemerkung, dass seine Frau panisch die Polizei anrufen würde und schlug deshalb vor, seinen angestellten Geschäftsführer Manfred M. anzurufen. Wieder zurück im Haus schlief er unten in einem Doppelstockbett, gefesselt an einen Bettpfosten. Am nächsten Tag waren alle nervös, da die avisierte Überweisung seitens des Geschäftsführers noch nicht auf dem Konto war.

Gegen 20:00 Uhr wurde Heiko L. mitgeteilt, dass er nun nach Hause darf. Vor der Abfahrt sollte er Whisky trinken und so teilte er sich eine Flasche mit einem der Täter. Die Alternative wäre gewesen, eine LSD-Pille zu schlucken. Nachdem er dann am Straßenrand in der Nähe einer Autobahn ausgesetzt worden war, wurde er gegen 02:00 Uhr zufällig durch eine Streife der Bundespolizei aufgegriffen.

Es ist deutlich festzustellen, dass das Opfer noch erheblich traumatisiert ist.

Das Opfer berichtet weiter, dass es unter den Tätern einen dominanten Führer gab und einen sogenannten Beschwichtiger. Das Opfer hat versucht, mit den Tätern zu diskutieren. Um ihn, das Opfer, gefügig zu machen, wurde er etwa fünf bis zehn Mal mit der Faust und der flachen Hand auf die linke Gesichts- und Halsseite geschlagen.

Die Täter trugen in seinem Beisein Sturmmasken. Bei jedem Toilettengang wurde er begleitet, dann gab es keine Handfesseln. Das Essen wurde im Wohnzimmer eingenommen.

Er habe sich nicht getraut, zu flüchten, sein Telefon wurde durch die Täter entsorgt. Waffen aber habe er nur bei der gestellten Polizeikontrolle, also der unmittelbaren Entführungssituation, gesehen. Es wurde ihm aber mehrfach mit dem Tod gedroht.

Während der Gefangenschaft war Heiko L. nicht in der Lage, sich den Schuldschein genau durchzulesen. Er diskutierte weiter mit den Tätern über deren Forderung und bot zweien der Täter 100.000 Euro für seine sofortige Freilassung.

Nachdem er auf der Autobahn ausgesetzt worden ist und frei war, hatte Heiko L. nicht mit einer weiteren Kontaktaufnahme der Täter gerechnet. Als ihn die Täter 2 Wochen später im Büro aufsuchten, war er gerade mit seinem Wohnmobil unterwegs. Umgehend informierte er die Polizei wurde und bekam daraufhin zwei Personenschützer zur Seite gestellt. Ein Telefonat der Täter mit dem Opfer über den Treffpunkt der Geldübergabe wurde von der Polizei natürlich aufgezeichnet. Heiko L. jedoch ging nicht zu diesem Treffen.

Als letzte Information sagt Heiko L. noch, dass er, nachdem er den Schuldschein unterschrieben hatte, ein moderates Verhältnis zu den Entführern hatte, er formuliert es so: „Ich wurde artgerecht gehalten.“

Entführungsopfer Heiko L. über die Vorgeschichte

Den Haupttäter Michael K. lernte Heiko L. Anfang der Neunzigerjahre in Saudi-Arabien kennen. Bei dem letzten Geschäft ging es um den Verkauf einer Firma für circa 6 bis 10 Millionen Dollar. Allerdings sind nur 1,5 Millionen Dollar gezahlt worden, davon bekam Michael K. 80 Prozent. Von diesem Geld kaufte er sich Immobilien im Norden Deutschlands. Die Restsumme hatte sich Michael K. unter anderem über Geldeintreiber bei Heiko L. besorgen wollen. Das spätere Entführungsopfer wurde dabei über zwei Jahre lang massiv bedroht.

Trotz dieser Bedrohung hat Heiko L. keine Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, weder in seiner Firma noch zu Hause.

Warum Michael K. noch mehr Geld haben wollte, kann Heiko L. nicht beantworten, es gibt dafür laut ihm keine Begründung.

Die dramatischen Folgen für das Opfer

Während der Entführung hat das Opfer große Todesangst ausgestanden. Sein Leben sei wie in einem Film an ihm vorbeigelaufen. Diese Phase war extrem belastend. Seine Erinnerungen zum Tatgeschehen sind daher immer noch nur noch partiell.

In den zwei Tagen seiner Entführung hat Heiko L. sechs Kilo abgenommen. Psychisch ging es ihm die ersten drei Monate nach der Entführung soweit gut, danach und mit der wachsenden Nähe zum Prozessbeginn ging es ihm immer schlechter. Ein Zustand, der immer noch anhält. Betroffen sind auch seine Frau, seine Kinder, seine Eltern und Nachbarn. Er hat sich stark verändert, ist vorsichtiger geworden und hat sich eine Alarmanlage gekauft. Zitat des Opfers: „Ich habe einen Fast-Absturz im Flugzeug überlebt, eine schlimme Krankheit überstanden, bin zweimal aus Seenot gerettet worden – doch diese Entführung war das Schlimmste, was ich je erlebt habe.“ Bis zu diesem schrecklichen Ereignis hatte Heiko L. sorgenfrei gelebt.


Bild: Auffindestelle von Heiko L.  | Bildquelle: Stefan Bisanz