Bodyguard-Prozess: Erschütternde Aussagen von Tochter und Bruder des Opfers Ana H.

Veröffentlicht am 23. Februar 2016

Bildquelle: Paul Georg Meister / pixelio.de

Am heutigen Verhandlungstag wird zuerst der Bruder des Opfers, Marjan J., als Zeuge vernommen. Er spricht klar und gefasst und schaut ein-, zweimal während seiner Vernehmung den Beschuldigten Jens H. an. Während seiner Aussage wird deutlich, dass er vernunftgelenkte An- und Einsichten zum Leben hat.

Bruder Marjan J. im Zeugenstand

Er möchte vor Gericht aussagen und erzählen. Er ist 43 Jahre alt, Gastronom in Düsseldorf und kam 1992 aus Ex-Jugoslawien nach Deutschland. Er erzählt von seiner 49-jährigen Schwester und, dass er noch zwei weitere Brüder hat. Diese Leben in Frankreich und in Kroatien. Seine Mutter lebt noch, sein Vater ist 2002 gestorben.

Seine ermordete Schwester ist Ende der achtziger Jahre nach Deutschland gekommen und hat ihre erste Arbeit als Babysitterin in Mülheim an der Ruhr aufgenommen. Später ist sie nach Düsseldorf gezogen. Bei ihr war ihre Tochter Anela, die in Kroatien geboren ist und aus der ersten Ehe seiner Schwester stammt. Er hat sich mit seiner Schwester immer gut verstanden und hatte einen intensiven Kontakt zu ihr.

Seine Schwester hat den Beschuldigten Jens H. etwa 2008 über seinen Job als Türsteher kennengelernt. Marjan J. war von Jens H. nicht begeistert. Vor allem, dass Ana H. und Jens H. sehr schnell nach ihrem Kennenlernen geheiratet haben, weckte Unbehagen in Marjan J. Trotzdem hat er ihn letztlich als den neuen Partner seiner Schwester akzeptiert.

Da es den beiden finanziell nicht immer gut ging, lieh Marjan J. ihnen oft Geld, auch unübliche Summen wie zum Beispiel 3.500 Euro für eine neue Küche oder 10.000 Euro für eine Steuerschuld. Streit hatte er mit Jens H. nachdem er erfuhr, dass dieser seine Schwester in den Bauch geschlagen hatte. Seine Schwester erzählte ihrem Bruder sicherlich nicht alles, doch dass Jens H. ein Drogenproblem hat, teilte sie ihm mit. Sein Umgang mit Jens H. war höflich aber oberflächlich.

Bei einem Osterurlaub in Kroatien hat er jedoch ganz konkret einen Streit zwischen seiner Schwester und Jens H. mitbekommen. Dieser war stark und laut, denn Jens H. war betrunken und sehr aufbrausend. Beide hatten häufig Streitigkeiten über Geld, beispielsweise wegen Verträgen, großen Autos und ähnlichem. Mit den Kindern aus seiner ersten Ehe hatte Jens H. aus der Sicht von Marjan J. keinen aktiven Umgang, er war unemotional.

Jens H. sitzt während der Aussage seines ehemaligen Schwagers relativ teilnahmslos und ohne Regung auf seinem Platz, er kann keinen Blickkontakt zum Zeugen aufnehmen.

Das Verhältnis von Jens H. zur Nichte von Marjan J., Anela M., war aus dessen Sicht relativ normal. Zur Trennungsphase der beiden kann der Zeuge keine konkreten Angaben machen, außer dass er diese mitbekommen hat.

Die Verteidiger des Beschuldigten fragen nun noch einmal konkret zum Verhalten nach der Einnahme unterschiedlicher Drogen und inwieweit der Zeuge dieses mitbekommen hat. Hierzu kann der Zeuge nicht viel sagen, da er nicht über alles Kenntnis hatte. Auf die Frage, wie Jens H. nach der körperlichen Auseinandersetzung mit seiner damaligen Ehefrau reagierte, berichtet der Zeuge, dass Jens H. dies sehr bedauert hat.

In seiner polizeilichen Vernehmung hat Marian J. ausgesagt, dass er dem Beschuldigten zu 100 Prozent die Tötung seiner Schwester zutraue. Der Richter befragt den Zeugen nun, was er denn von diesem Prozess erwarte. Der Zeuge antwortet mit einer Gegenfrage: „Würden Sie diesen Menschen wieder auf die Menschheit loslassen?“ Diese Frage bleibt durch das Gericht unbeantwortet.

Der psychologische Sachverständige fragt nach dem Freizeitverhalten des Beschuldigten. Der Zeuge kann berichten, dass Jens H. sehr viel Sport getrieben hat. Unter anderem betrieb er Kampfsport und postete die in diesem Bereich erhaltenen Urkunden bei Facebook.

Der Verteidiger der Nebenklage fragt nach Alkoholverstecken beim Beschuldigten. Die ermordete Ehefrau hatte den Alkohol im Keller versteckt, sodass in der Wohnung selbst kein Alkohol war. Ob ihm bekannt sei, dass auch seine Schwester ein Drogen- oder Alkoholproblem hatte. Dies wird von Marjan J. mit einem klaren „Nein“ beantwortet, genauso wie die Frage nach ständiger Einnahme von Antidepressiva oder Schlafmitteln.

Bei den Streitereien ging es immer ums Geschäft und um Geld, da seine Schwester besorgt war, dass Jens H. die Firmen in die Insolvenz führen würde. Insbesondere das Kaufverhalten von Jens H. war sehr ausschweifend, er fuhr einen großen Mercedes S-Klasse AMG und wollte zusätzlich ein zweites, noch größeres Auto kaufen. Hier fragt die Verteidigung sofort nach und möchte vom Zeugen wissen, ob er denn wisse, was sein ehemaliger Schwager berufsmäßig gemacht hat. Das beantwortet Marjan J. mit dem allgemeinen Begriff „Sicherheit“. Die Verteidigung behauptet nun, dass es sich bei dem Mercedes S-Klasse AMG um das Fahrzeug handelt, mit welchen Verona Pooth gefahren worden sei. Hiernach ist der Zeuge entlassen.

Aussage der Tochter der Ermordeten, Anela M.

Anela M. ist nicht nur Zeugin, sondern auch Nebenklägerin. Bisher war sie nicht im Gerichtssaal. Doch nun betritt sie den Raum, abgeschirmt durch eine offizielle Zeugenbetreuerin und in Begleitung zweier Freundinnen. Zuvor sind ihr Fotografen auf dem Weg in den Gerichtssaal gefolgt, um Bilder der jungen Frau zu ergattern. Sie trägt einen großen schwarzen Mantel mit einer großen Kapuze, die sie tief ins Gesicht gezogen hat. Ihre Körperhaltung ist leicht nach vorne gebeugt und ihre Augen, die zwischendurch hin und wieder zu sehen sind, wandern hektisch. Wenn sie spricht, dann sehr zitternd, sie kann sich kaum äußern.

Sie wird gleich schildern, wie sie ihre tote Mutter aufgefunden hat. Eine grausame Vorstellung!

Anela M. ist 28 Jahre alt, wohnt in Düsseldorf und ist zurzeit nicht berufstätig. Bis zum Tattag hat sie in der Firma des Beschuldigten gearbeitet, fühlt sich seit dem Erlebten aber nicht mehr arbeitsfähig.

Wenn Sie über den Beschuldigten Jens H. spricht, spürt man eine große Verachtung sowie Wut und Zorn in ihrer Stimme. Sie erzählt, dass sie 19 Jahre alt war, als sie den Beschuldigten kennenlernte. Jens H. war immer aggressiv und oft völlig haltlos, wegen Nichtigkeiten. Er wollte immer bestimmen und hat ihre Mutter auch wegen seines Drogenkonsums geschlagen. Ihre Mutter und er hatten oft Streit deswegen, auch wegen Alkohol und der Firma. Anela M. selbst hat nie direkt gesehen, dass er Drogen zu sich genommen hat. In der gemeinsamen Wohnung hat er die Drogen immer auf der Toilette konsumiert und wenn er dann wieder kam, war er weiß um die Nase und hat dauernd geschnieft. Seine Augen waren dann sehr groß und seine Stimme hat geleiert. Wenn er nicht auf Drogen war, war Jens H. eher ruhig und schüchtern. Wegen seiner Drogenexzesse war er auch öfter im Krankenhaus. Anela M. ist circa 2008 aus der Wohnung ihrer Mutter ausgezogen.

Auch dieser Zeugin kann Jens H. nicht in die Augen schauen.

Nachdem der Trennung zwischen ihrer Mutter und Jens H., hatte er sofort eine neue Freundin. Aber Ana H. konnte sich nicht gänzlich trennen.

Anela M. wiederum wurde durch Jens H. ausgenutzt, indem er sie als Geschäftsführerin einer Einzelfirma einsetzte. Diese Firma hieß Hammann Services GmbH. Allerdings hatte Anela M. keinerlei Hintergrund, um diese Position auszufüllen, sodass letztlich Jens H. alles bestimmte. Er kaufte viel zu viel , plünderte die Konten und Anela M. musste Insolvenz anmelden.

Wenn ihre Mutter im Urlaub war, war Jens H. ständig voll mit Drogen und / oder Alkohol. Einmal sagte er zu ihr: „Ich werde das mit deiner Mutter beenden, ich halte das nicht mehr aus. Aber dann ist es endgültig beendet!“

Nun wird Anela M. zum Tattag, dem 23. August 2015, vernommen.

An diesem Tag wollte sie über WhatsApp Kontakt zu ihrer Mutter aufnehmen und hat auch versucht, sie telefonisch zu erreichen, was ihr aber nicht gelang. Das war schon sehr ungewöhnlich, da ihre Mutter sich spätestens nach einer Stunde gemeldet hätte. Hierauf rief sie Jens H. an. Er erklärte ihr, dass ihre Mutter müde und krank sei und deshalb schlafe. Er wolle nicht, dass sie geweckt wird. Da Anela M. aber am Nachmittag mit ihren Freundinnen losziehen wollte und hierfür Geld benötigte, fuhr sie zur Wohnung ihrer Mutter, um von Jens H. 50 Euro von dem Geld zu bekommen, das dort für sie deponiert war.

Ihre Mutter selbst sah sie bei dieser Gelegenheit nicht, sondern nur ihre Beine am Ende der Couch. Jens H. machte in diesem Moment keinen so „vollen“ Eindruck. Gegen 18:00 Uhr hatte sie erneut Kontakt mit Jens H., wobei es um einen Auftrag am Chemiepark Dormagen ging. Gegen etwa 22:30 Uhr wurde sie dann von einem gemeinsamen Bekannten angerufen, der mitteilte, dass Jens H. bei ihm sei und erzählt hätte, dass er ihrer Mutter etwas ins Glas getan hätte. Sie fuhr unvermittelt und sehr schnell zur Wohnung der Mutter.

Nun erzählt sie von der Auffinde-Situation. Nachdem sie ihre Mutter bereits in der Küche, im Wohnzimmer und im Schlafzimmer nicht gefunden hatte, ging sie ins Badezimmer und sah, dass der Duschvorhang vor die Wanne gezogen wurde. Es hing ein Arm über dem Wannenrand.

Eine detaillierte Beschreibung der genauen Auffinde-Situation wird Anela M. durch das Gericht erspart, denn allein die Vorstellung, wie ein Kind die eigene Mutter erschlagen und erdrosselt auffindet, mit zehn weiteren Einstichen in Rumpf und Bauch und acht mit einer Gartenschere abgeschnittenen Fingern in der Wanne, ist einfach nur grässlich.

Der Richter fragt Anela M. an dieser Stelle nach ihrem momentanen Befinden, das sie mit schlecht betitelt. Sie berichtet, dass sie immer noch in psychologischer Behandlung ist.

Der Staatsanwalt möchte nun erfahren, welche Kenntnis sie bezüglich der Handgreiflichkeiten zwischen Jens H. und ihrer Mutter hat. Diese habe sie nicht persönlich miterlebt, sondern davon von ihrer Mutter erfahren. Die Verteidiger des Beschuldigten fragen ihrerseits jetzt nach der Art des Alkohols, den Jens H. getrunken hat (Wein, Bier oder harter Alkohol). Da der Alkohol von ihrer Mutter immer versteckt worden war, kann Anela M. hierzu keine Angaben machen. Sie selbst hat ihm ab und zu mal eine Flasche Wein mitgebracht.

Der psychologische Sachverständige möchte wissen, welches Arbeitspensum Jens H. in der Firma wahrnahm. Anela M. berichtet, dass er selten da war und wenn, dann nur ein bis zwei Stunden. Ansonsten hat er viel Fitness und Kampfsport betrieben.

Der Nebenkläger-Anwalt arbeitet nochmal heraus, dass ein Insolvenzverfahren gegen Anela M. läuft, und dass Jens H. alles in der Firma bestimmte. Wo das Geld der Firma geblieben ist, kann Anela M. auch nicht beantworten. Hiernach ist die Vernehmung beendet.

Angesichts des Erlebten hat sich an Anela M. wirklich tapfer geschlagen.

Heute sitzt der Angeklagte mit seinen Verteidigern rechts vom Richtertisch und zwar gegenüber den Fenstern. Das liegt daran, dass es in Nordrhein-Westfalen eine Vorschrift gibt, die besagt, dass der Angeklagte immer gegenüber den Fenstern sitzen muss. So sitzt er im Hellen und es ist damit möglich, die Reaktionen in seinem Gesicht besser zu erkennen.

Vernehmung des Rechtsmediziners

Als nächster Zeuge ist nun der Düsseldorfer Rechtsmediziner Dr. M. (27 Jahre) geladen, der über das Tatgeschehen und über den Leichenfundort berichtet. Er fand die Leiche unbekleidet in Rückenlage in der Badewanne an. Das Fenster war gekippt und am Wannenrand lagen eine Gartenschere sowie ein Messer. An beiden Geräten hafteten rot-bräunliche Blutflecken. Am Kopf, im Halsbereich sah man deutlich zwei Strang-Marker, des Weiteren drei Messereinstiche im Rumpf und sieben im Bauchbereich. Acht Finger lagen neben der Leiche in der Badewanne. Die Körpertemperatur betrug 32,8 Grad Celsius, bei einer Umgebungstemperatur von 25 Grad Celsius. Der Todeszeitpunkt wird auf 17:55 Uhr bis 20:25 Uhr eingegrenzt. Die Todesursache ist Ersticken durch Erdrosseln, also eine massive Gewalteinwirkung auf den Körper. Weiterhin folgt ein kurzer medizinischer Bericht der Obduktion. Der Rechtsmediziner trägt klar und deutlich vor und zieht auch Grenzen seiner Sachverständigentätigkeit.

Der Angeklagte Jens H. hört dem Rechtsmediziner scheinbar teilnahmslos zu. Bemerkenswert ist, dass sich auch der Bruder und die Tochter der Toten diese detaillierte und grausame Schilderung anhören. Beide sind vorher zwar auf diese Aussage vorbereitet worden, trotzdem halte ich es für außergewöhnlich. Jens H. vermeidet weiterhin den Blickkontakt zu den Nebenklägern. Anela M. schaut ab und an zu ihm rüber – und schüttelt nur den Kopf.

Noch vor der eigentlichen Tötungstat hatte der Beschuldigte Jens H. das Opfer mit einem Halswürgegriff bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Der Staatsanwalt möchte, dass der Angeklagte diesen Griff noch einmal demonstriert. Dieses Ansinnen wird durch die Verteidigung abgelehnt.

Die Aussagen der Taxifahrer

Nun werden die beiden Taxifahrer als Zeugen gehört, die Jens H. am Tattag gefahren haben. Der eine hat den Beschuldigten von Düsseldorf nach Langenfeld zu seinem Freund gefahren. Stunden später fuhr der zweite Taxi-Fahrer Jens H. von Langenfeld wieder nach Düsseldorf. Beide Zeugen sind etwas nervös, berichten aber dennoch über die Fahrt. Insbesondere geht es um die Frage, inwieweit Merkmale von Alkoholeinfluss, wie lallende Sprache oder ein wankender Gang, beim Beschuldigten erkennbar waren. Beide Taxifahrer bestätigen, dass man keinerlei Anzeichen von Alkoholkonsum erkennen konnte.

Vernehmung des Beschuldigten-Freundes Mike K.

Als letzter Zeuge des heutigen Verhandlungstages wird Mike K., 41, vernommen, geboren in Düsseldorf und wohnhaft in Langenfeld. Er bezeichnet sich als Freund von Jens H. Diesen hat er vor etwa einem Jahr über einen gemeinsamen Bekannten kennengelernt. Sie haben sich öfter getroffen, sind ab und zu essen gegangen – auch gemeinsam mit der Getöteten – und haben täglich telefoniert.

Mike K. sagt aus, dass die Beziehung zwischen den beiden harmonisch war und er von Auseinandersetzungen nichts mitbekommen hat. Allerdings hat ihm die Getötete auch mitgeteilt, dass sie sich sehr viele Sorgen um die Firma mache, und dass sie Existenzängste hätte, insbesondere aufgrund der Unzuverlässigkeit und des Drogenkonsums von Jens H. Auch Mike K. hat mit Jens H. Kokain konsumiert.

Am Tattag hat Jens H. ihn per WhatsApp und telefonisch kontaktiert und gefragt, ob er Kokain besorgen könne. Dieses hat er zunächst abgelehnt.

Mike K. hat seit der Tat keinen Kontakt mehr mit Jens H. Er hat ihn auch nicht in der Vollzugsanstalt besucht. Er kommt mit der Tat, die Jens H. begangen hat, nicht zurecht.

Der psychologische Sachverständige fragt, ob der Zeuge beim Angeklagten im letzten Jahr eine Verhaltensveränderung festgestellt hat. Dies verneint Mike K. Er weiß aber zu berichten, dass der Beschuldigte in seiner Freizeit viel Sport getrieben und nie mit ihm über Probleme gesprochen hat. Er kannte ihn nur als denjenigen, der ein großes Auto besaß und sich immer viel leisten konnte.


 

Bildquelle: Paul Georg Meister / pixelio.de